Mit Blues und Bibel gegen das DDR-Regime

Musiker Thomas Reiner und Frank Gahler 1980 in Samariterkirche (Foto: rbb/ G. Holwas) Musiker Thomas Reiner und Frank Gahler 1980 in Samariterkirche (Foto: rbb/ G. Holwas)

Mit regimekritischen Konzert-Gottesdiensten begann 1979 in der Samariterkirche eines der außergewöhnlichsten Kapitel der DDR-Opposition. Die Blues-Messen von Pfarrer Rainer Eppelmann zogen 50.000 Jugendliche an - bis 1986 mehrere Auslöser zum Ende führten.

1979 kamen in Friedrichshain zwei Menschen zusammen. Beiden fehlte etwas. Der jeweils andere konnte es ihm bieten. Der eine war Kreisjugendpfarrer Rainer Eppelmann, dem es an Zuhörern für seine Predigten in der Samariterkirche mangelte. Der andere war der Musiker Günter Holwas, der einen Auftrittsort für ein Konzert seiner Band suchte. Holwas klingelte an der Wohnungstür Eppelmanns, bot ihm an, die Kirche mit Leuten zu füllen und dabei Geld für einen gemeinnützigen Zweck zu sammeln. Die beiden beschlossen ein Tauschgeschäft, das der Beginn eines der außergewöhnlichsten Kapitel der DDR-Opposition wurde.

Sie gingen gewieft vor. Ein Konzert hätten sie bei den Behörden anmelden müssen. Also veranstalteten sie am 1. Juni 1979 einen Jugendgottesdienst mit Bluesmusik-Einlagen. Die Gruppe von Holwas, Hollys Bluesband, rockte. Pfarrer Eppelmann und sein Kollege Heinz-Otto Seidenschnur von der Auferstehungskirche trugen moderne Bibelübertragungen vor. Mehr als 150 Zuhörer kamen laut Eppelmanns Erinnerung – deutlich mehr als die 30 bis 70, die zu regulären Gemeindegottesdiensten kamen. Die Kirche genoss in der DDR Freiraum. Die Staatsdienste hatten vorerst keine Einwände.

Die Grundidee der “Blues-Messe” gewann an Dynamik. Beim zweiten Mal kamen schon 300 Besucher. Eppelmann begann, Jugendliche nach ihren Problemen, Hoffnungen und Wünschen zu fragen und diese mit Bibelstellen zu thematisieren. Unfreiheit wurde übergreifendes Thema und er sprach politische Aspekte aus, die in der DDR kaum einer öffentlich zu sagen wagte. Zur Auflockerung variierte er die Darbietungsform. Neben Predigten gab es Aktionstheater. Die Jugendlichen waren begeistert.

Tausende kommen

Die Mischung aus Musik, Systemkritik und Gebet zog bald Tausende an, so dass die Veranstaltung zweimal an einem Abend durchgeführt wurde – einmal in der Samariterkirche und einmal in der Auferstehungskirche an der Friedrichshainer Friedenstraße.

Teenager mit langen Haaren, Vollbart, Leder- und Jeansjacken, die nicht gerade zu den Stammgästen der Kirche zählten, trampten nun aus der ganzen DDR nach Berlin. Einige warteten schon mittags vor der Kirche, um sich einen der begehrten Plätze zu sichern. Sie tranken Bier, rauchten, pinkelten an Häuser, redeten mitten im Gottesdienst und schliefen danach irgendwo in Schlafsäcken. Eppelmann ließ den jungen Leuten am Eingang ihren Alkohol abnehmen, beim Rausgehen bekamen sie ihn wieder. Manchmal fragte er sich, auf was er sich da eigentlich eingelassen habe.

Die Besucher genossen die ungewohnt deutliche Regimekritik. “Hier konntest du sagen, was du woanders nie aussprechen konntest. Hier hattest du das Gefühl, du bist nicht allein, du kannst was tun”, erinnerte sich 2005 der einstige Besucher und spätere Blues-Messen-Forscher Dirk Moldt in der “Berliner Zeitung”. So wurden bei einem Sketch Überschriften aus Ost- und West-Medien gegenübergestellt: “Am 7. Oktober randalierten jugendliche Rowdys auf dem Alexanderplatz!”, hieß es auf der einen Seite.  “Am 7. Oktober protestierte die DDR-Opposition auf dem Alexanderplatz!” hieß es auf der anderen Seite. Texte des ausgebürgerten Liedermachers Wolf Biermann sowie des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn wurden vorgetragen.

Als der Platz in der Samariterkirche für die Massen nicht mehr ausreichte und das Ministerium für Staatssicherheit Anwohner gegen die Veranstaltung aufstachelte, verlegten die Organisatoren die Messe in die Lichtenberger Erlöserkirche. Sie verfügte über ein großzügiges Gelände. Zur mehrmals hintereinander wiederholten Blues-Messe am 27. April 1984 kamen insgesamt 9.000 Zuschauer. Bis zu 100 Helfer waren inzwischen nötig.

Der Druck wächst

Die Nervosität der Regierung wuchs. Eppelmann hatte sich schon früh im Rathaus verantworten müssen. Immer häufiger musste die Kirchenleitung mit Staatsvertretern darüber diskutieren, wie ein Gottesdienst auszusehen haben und welche außerreligiösen Elemente erlaubt seien. Doch die Kirchleitung war stolz auf die neue Anziehungskraft ihrer Institution und schützte die Veranstaltung vorerst. So konnten die Organisatoren die Grenzen dessen austesten, was die Staatsdienste hinzunehmen bereit waren. ”Ich möchte ganz besonders die Leute begrüßen, die heute dienstlich hier sind”, sagte Eppelmann bei einer Bluesmesse.

Die Polizei hortete Material gegen Veranstalter und Besucher. Die Stasi schleuste Inoffizielle Mitarbeiter in die Gemeinde ein, hörte die Wohnung von Eppelmann mit Wanzen ab, schnitt die Messen mit, fotografierte sie und berief Mitglieder des Vorbereitungskreises zur NVA ein. Musiker wie Kalle Winkler und Jana Schloßer, Sängerin der Band Namenlos, wurden nach Auftritten verhaftet. Günter Holwas erhielt 1981 von den DDR-Behörden ein lebenslanges Auftrittsverbot.

Die Behörden organisierten Gegenkonzerte. Jugendlichen von außerhalb wurde untersagt, ihre Heimatorte in Richtung Berlin zu verlassen. Die Stasi schüttete stinkende Buttersäure in die Kirche, um die Messe zu verhindern. Doch die Gäste ertrugen lieber Gestank als auf das längst legendäre Event zu verzichten.

Ende einer Ära

Für das Ende der Blues-Messen sind zahlreiche Gründe ins Feld geführt worden. Die Besucherzahlen waren zwar noch vierstellig, aber sanken. Dazu beigetragen hatte, dass die Kirchenleitung auf Druck der Regierung eine Blues-Messe kurzfristig hatte verschieben lassen. Für 1987 hatten die Behörden einen Kirchentag in Aussicht gestellt und die Kirchenleitung bemühte sich, wenig Angriffsfläche zu bieten.

Besucher und Organisatoren der Blues-Messen wandten sich der wachsenden DDR-Friedensbewegung zu, die 1982 durch den Abrüstungsaufruf “Berliner Appell” von Eppelmann und Robert Havemann befeuert wurde. Parallel ließ das Interesse Jugendlicher am Musikgenre Blues nach, New Wave und Punk wurden populärer. So fand im September 1986 die letzte Blues-Messe statt. Die Veranstalter beendeten die Reihe – nach insgesamt 48 Gottesdiensten an 20 Tagen.

Als Ausdruck des DDR-Jugendprotests, Wegbereiter der kirchlichen Opposition, Beispiel für das wachsende Selbstbewusstsein der Bürger und Baustein auf dem Weg zur friedlichen Revolution hat es das anfänglich kleine Experiment eines Pfarrers und eines Musikers in die Geschichtsbücher geschafft. Drei Jahre nach der letzten Blues-Messe implodierte die DDR. Historiker Dirk Moldt erzählt die Geschichte der Messen in seinem Buch „Zwischen Hass und Hoffnung“ mit Interviews, Predigten, Fotos und dem Mitschnitt einer Messe. Das RBB-Fernsehen zeigte im November 2013 erstmals die Dokumentation “Kirche, Pop und Sozialismus”.

Die beiden Männer, die alles ins Rollen gebracht haben, gerieten auf unterschiedliche Wege. Rainer Eppelmann wurde Verteidigungsminister der letzten DDR-Regierung und bis 2005 CDU-Bundestagsabgeordneter. Günter Holwas stellte nach seinem Auftrittsverbot einen Ausreiseantrag und ging als Musiker und Trucker nach Kanada. Nach mehreren Herzinfarkten kehrte er ins vereinte Deutschland zurück. Im Oktober 2005, 25 Jahre nach der ersten Blues-Messe, kamen Eppelmann und Holwas auf einer Gedenkveranstaltung in der Samariterkirche erneut zusammen.

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03.06.2014