Spott in Medien über Benimmregeln-Forderung

Rucksack statt Rollkoffer: Touristin an East Side Gallery (Foto: Montecruz Foto/ CC BY-SA 2.0) Rucksack statt Rollkoffer: Touristin an East Side Gallery (Foto: Montecruz Foto/ CC BY-SA 2.0)

Die Forderung der Friedrichshain-Kreuzberger Bürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) nach einem Verhaltenskodex für Touristen hat bundesweit Reaktionen in Medien und sozialen Netzwerken hervorgerufen - überwiegend Unverständnis und Satire.

Erneut beschäftigen sich Medien in ganz Deutschland mit Äußerungen aus dem Friedrichshain-Kreuzberger Bezirksamt in Berlin – diesmal mit einer tourismuspolitischen Forderung von Bürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne). Sie hat sich in einem Interview mit dem “Tagesspiegel” dafür ausgesprochen, einen “Verhaltenskodex” für Touristen im Umgang mit Müll, Lärm und Anwohnern herauszugeben. Als Vorbild nennt sie Amsterdam, wo “Postkärtchen gegen das Wildpinkeln” ausgeteilt würden. Zudem plädiert sie für leisere Rollkoffer: “Warum haben die lauten Ziehkoffer der Hostelbesucher zum Beispiel keine Gummirollen?”

Der Tourismus hat ihrer Ansicht nach zu bedrohlichen Zuständen in Friedrichshain-Kreuzberg geführt. Zwischen Maybachufer und Frankfurter Allee sei eine “kilometerlange Partymeile” entstanden. ”Fast im ganzen Bezirk” könne man nachts nicht mehr mit offenem Fenster schlafen. Hostel-Besucher würden sich nachts betrunken in Hauseingänge übergeben. Mancher Gast benehme sich, als sei er “in einer Art Disneyland und wir Einheimischen so was wie Statisten”. ”Die Lage ist ernst”, lautet Herrmanns düstere Bilanz. “Auch bei uns muss es Regeln geben.”

Bei den meisten Medien und in sozialen Netzwerken kam der Ruf der grünen Bezirkschefin nach Verhaltensanweisungen für Gäste aus aller Welt, Ziehkoffer-Gummirollen und strengerer Nachtruhe nicht sonderlich gut an. Gleich mehrere namhafte Publikationen reagierten mit Satire.

Das “Zeit Magazin” nimmt die Äußerung zum Anlass für eine “Gesellschaftskritik” und fordert “Gerechtigkeit für den Rollkoffer!” Autor David Hugendick hat seine ganze eigene Erklärung, was wirklich hinter Herrmanns Forderung steckt: ”Weil der Berliner abends gerne auch grölt, pinkelt und kotzt, gibt es nicht mehr genügend Hauseingänge, in denen er das tun kann”. Der Gegenentwurf der “Zeit”: “den Rollkoffer als größte individuelle Errungenschaft des Transportzeitalters feiern und sein Rattern als Grundrhythmus, in dem sich der Mensch heute bester Stimmung durch die Welt bewegt, während die anderen mit schlechter Laune in ihrem eigenen Mief den Lärmschutzwächter spielen“.

Das Satire-Ressort der “taz” dreht die Forderung ebenfalls weiter. “You are entering the tourism sector” werde bald auf der Oberbaumbrücke stehen, prophezeit Autor Uli Hannemann. Die Touristen-Broschüre werde den Titel “Vomit, Noise & Stupid Questions” tragen und eine 23-jährige Australierin weinend feststellen: “Wir stören sie. Das habe ich nicht gewusst. Ich fahre sofort wieder nach Hause.” Ein anderer Besucher werde dagegen sauer sein: “Zwei Jahre habe ich auf das Ticket gespart, um einmal im Leben so richtig auf die Straße scheißen zu können. Und dann kommt diese Eva Herman und macht alles kaputt.”

Der “satirische Rückblick” des Online-Magazins “Huffington Post” vermutet, die Bürgermeisterin instrumentalisiere Besucher als Sündenböcke: ”Man sieht, warum Berlin so dringend auf Touristen angewiesen ist”, schreibt Bernd Zeller, “man braucht jemanden, den man wegen des Mülls und Lärms beschuldigen kann.”

Auch der “Tagesspiegel” legt nach der Aufregung über sein Interview mit Humor nach und schickt Redakteur Stephan Wiehler als Tourist verkleidet für einen Videodreh in den Bezirk. Ob sie schon mal schon mal in der Öffentlichkeit uriniert hätten, will er etwa von jungen italienischen Besuchern wissen.

Auf Twitter führt die Idee aus dem Bezirksamt ebenfalls zu einigen spöttischen Kommentaren: Ein Nutzer erinnert an den von der Bezirksbürgermeisterin angeordneten Polizei-Großeinsatz bei der Räumung der besetzten Schule an der Ohlauer Straße:

Ein anderer hält einen Kodex eher an anderer Stelle für nötig:

Ein Nutzer sieht Parallelen zu einem Vorhaben der CSU:

 

Die Berlin-Korrespondentin der “Süddeutschen Zeitung” lästert:

 

Auch fernab ironischer Bemerkungen sezieren Nutzer in sozialen Medien das Vorhaben.

Einige halten mehr ausgeschilderte öffentliche Toiletten und weniger geräuschempfindlichen Asphalt für realistischere Lösungen als Anti-Pinkel-Broschüren und eine Bitte um Änderungen an Rollkoffern. Andere fragen, wieso gerade feiernde Touristen ein Problem sein sollen, nicht jedoch Junggesellenabschiede und Sauftouren von Berlinern.

Einige sind der Ansicht, erst die grüne Bezirkspolitik habe junge Partytouristen angezogen und der geplante Coffeeshop am Görlitzer Park würde dies noch verstärken. Andere meinen, im Zentrum einer Großstadt könne eben leider nicht jeder mit offenem Fenster schlafen.

Einige halten angesichts der Reisefreudigkeit der Deutschen und ihres Verhaltens im Ausland Zurückhaltung bei diesem Thema für angebrachter und denken, der Vorschlag passe nicht zu einer weltoffenen Metropole. Andere finden es widersprüchlich, dass ausgerechnet die für ihre Laissez-faire-Haltung bekannte Herrmann bei diesem Thema klare Regeln fordert.

Auch diverse Medien widmen sich dem Thema ohne Satire: Die rheinland-pfälzische “Rhein-Zeitung” betitelt ihren Artikel “Berliner beschimpfen neuerdings Touristen”, macht bei der Debatte “manchmal sogar rassistische Züge” aus und vermutet ganz andere Gründe für Kritik an Touristen: “Seit Jahren ziehen in den beliebten Bezirken Pankow, Friedrichshain-Kreuzberg und inzwischen auch Neukölln die Mieten an. Viele Alteingesessene sehen sich von Immobilienspekulanten verdrängt. Der ‘Touri’ oder wahlweise auch der ‘Schwabe’, der angeblich überall Wohnungen aufkauft, um damit Geld zu machen, ist da willkommener Sündenbock.”

Über einen Text der Nachrichtenagentur dpa (“Das ruppige Berlin sehnt sich nach Manieren”) hat die Angelegenheit Einzug in zahlreiche regionale und überregionale Medien gefunden, etwa den Schweizer “Tagesanzeiger”, die “Welt”, den “Weser Kurier”, die “Augsburger Allgemeine”, die “Lübecker Nachrichten”, die “Frankfurter Neue Presse”, die “Wilhelmshavener Zeitung” und die “Westfälischen Nachrichten”. Die Skepsis der meist um Neutralität bemühten dpa verbreiten sie gleich mit: “Monika Herrmann denkt an Rollkoffer mit leisen Gummirädern. Klingt noch nicht nach dem großen Wurf.” Auch der Fernsehsender N24 nimmt das Thema auf.

Pluralistisch reagiert die “Berliner Morgenpost”: Ein Artikel über die Partyszene an der Warschauer Brücke stützt Herrmanns kritische Sicht auf den Tourismus, berichtet über Drogen, Gewalt und Diebstahl und beschreibt die Gegend wie ein “verlassenes Festivalgelände” mit “uringetränktem Boden” und Scherben.

“Au weia”, kommentiert dagegen Kolumnistin Christine Richter der selben Zeitung den Vorstoß der grünen Bürgermeisterin und lädt zu einem Gedankenspiel ein: “Hätte ein CDU-Politiker eine solche Forderung erhoben, wären die Grünen wahrscheinlich die Ersten gewesen, die ihn als hinterwäldlerisch beschimpft hätten. Da es eine der ihren ist, halten sie sich zurück.” Ausgerechnet der schon zu Mauerzeiten für Ungewöhnliches offene und tolerante Multi-Kulti-Bezirk Kreuzberg wolle nun für junge Partytouristen “die Grenze ziehen”.

Erwartungsgemäß wenig begeistert über die Diskussion ist der Berliner Senat, mit dem sich Herrmanns Bezirksamt dauerhaft befehdet. Ein Sprecher der Wirtschaftsbehörde möchte auf Kreuzhainer-Anfrage zu dem Thema nur Stellung nehmen, ohne ihren Namen und ihren konkreten Plan zu erwähnen. Er verweist allgemein auf eine “durchgängig sehr hohe Akzeptanz für den Tourismus ist in Berlin”. Diese zeigten Umfragen, laut denen 88% der Berliner “stolz auf die Zahl der Berlin-Besucher” seien und 87% “keine Einschränkungen oder Störungen durch den Tourismus” sehen. 300.000 Euro investiere die Senatsverwaltung für Wirtschaft in Anzeigen, Umfragen und Lenkung von Touristenströmen, um die Akzeptanz für Tourismus in Berlin zu stärken.

Deutlicher ist da der Chef der Berliner Senatskanzlei, Björn Böhning:

 

Ein Aspekt von Herrmanns Kampfansage gegen touristischen Partylärm blieb in Medien und Netz unberücksichtigt: Erst kürzlich startete ihr Baustadtrat im Bezirksamt, Hans Panhoff, eine Initiative mit einer gegenteiligen Zielsetzung.

Panhoff versuchte, eine Debatte anzuregen, um das bundesweite Lärmschutzgesetz, nach dem um 22 Uhr im Freien Nachtruhe herrschen muss, für Außengastronomie zu lockern – etwa durch eine Sonderzone in der Innenstadt, in der es lauter zugehen darf, oder einen späteren Beginn der Nachtruhe. ”Da kommen Leute nach Berlin, weil die Stadt so toll ist, wollen aber Ruhe wie in einem Dorf haben”, empörte er sich im “Tagesspiegel”.

Viereinhalb Monate später beklagt seine Bürgermeisterin und Parteifreundin öffentlich, wegen Feiernden könne man nachts nicht mehr mit offenem Fenster schlafen.


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