Die unendliche Geschichte der Cuvrybrache

Ein Investor will aus der Cuvrybrache (hier 2013) "Cuvryhöfe" machen (Foto: Kreuzhainer). Ein Investor will aus der Cuvrybrache (hier 2013) "Cuvryhöfe" machen (Foto: Kreuzhainer).

Seit zwei Jahrzehnten wird um eine Bebauung des Cuvry-Geländes an der Schlesischen Straße in Kreuzberg gerungen. Inzwischen prallt dort Armut auf Party-Tourismus. Nun hat der Investor die Räumung der mit Hütten bewohnten Brache beauftragt. Bauen darf er noch nicht.

Es sind politisch turbulente Tage in Berlin-Kreuzberg: Erst die neun Tage andauernde Räumung der von Flüchtlingen besetzten Schule an der Ohlauer Straße, dann die bundesweite Diskussion über ein bereits eine Million mal aufgerufenes Video eines gewaltsamen Polizeieinsatzes am Görlitzer Park – und nun steht auch noch die seit Jahren erwartete Räumung der so genannten Cuvrybrache an der Schlesischen Straße im Wrangelkiez bevor.

“Uns liegt ein Räumungsersuchungen vor”, bestätigte Polizeisprecher Stefan Redlich auf Anfrage von Kreuzhainer einen Auftrag durch den Eigentümer. “Wir prüfen, ob es rechtlich möglich ist und dem Ersuchen entsprochen werden kann”, sagte Redlich: “Das ist eine komplexe Situation, da wohnen Menschen.” Zu den genauen juristischen Fragen und der erwarteten Dauer der Beurteilung machte der Sprecher keine Angaben.

Wie beim Einsatz an der besetzten Schule Ende Juni wird auch bei einer Räumung der Cuvrybrache mit Protest gerechnet. Der Umgang mit dem Gelände ist seit zwei Jahrzehnten stadtentwicklungspolitisch umstritten, inzwischen auch sozialpolitisch.

Das Grundstück befindet sich in einer der besten Immobilienlagen Kreuzbergs, 10.000 Quadratmeter direkt am Spreeufer mit Blick auf die Oberbaumbrücke und den Fernsehturm. Die Ecke Schlesische Straße und Cuvrystraße, an der im Film “Lola rennt” von 1998 die Protagonistin erschossen wird, hat sich aufgrund ihrer gewachsenen Club-Kultur und Gastronomie zur Attraktion für junge Touristen entwickelt. Abends sitzen sie in den Bars und Restaurants an der Schlesischen Straße, trinken Bier, Cocktails und essen asiatisch. Im Vorbeigehen fotografieren sie mit ihren Iphones das Graffiti des Street-Art-Künstlers Blu auf der Cuvrybrache, das inzwischen zum inoffiziellen Wahrzeichen des Wrangelkiezes geworden ist. Das angesagte Altbau-Viertel zwischen Görlitzer Park und Spree ist dicht besiedelt: Rund 27.500 Einwohner leben hier pro Quadratkilometer – im Berlin-Durchschnitt sind es etwa 3800. Die Mieten steigen.

Das ist die eine Seite der Cuvrybrache.

Die andere ist, dass seit 2012 Obdachlose, osteuropäische Familien und Aussteiger auf dem Gelände ein Dorf aus Holzhütten und Zelten errichtet und es zu ihrem Zuhause gemacht haben. Die Bewohner bezeichnen sich selbst als “Menschen, die, aus welchem Grund auch immer, keinen Platz im Rest der Gesellschaft haben” oder “keinen Platz in der Gesellschaft, wie sie derzeit ist, haben möchten”. Mehr als 100 von ihnen leben dort ohne Toiletten, Duschen und Strom, teilweise vom Aufsammeln der Pfandflaschen der Feiernden. Armut und Wohlstand prallen an der Schlesischen Straße jeden Tag mit Wucht aufeinander.

Wahrscheinlich nicht mehr lange. Der Investor Artur Süsskind will auf dem Gelände Hunderte Wohnungen errichten. Aus der Cuvrybrache will er die “Cuvryhöfe” machen.

“Keine Stellungnahme” vom Investor

Im März 2013 hat er einen Antrag auf Einleitung eines Bebauungsplans eingereicht und verhandelt seitdem mit dem Senat. Dieser hat die baurechtliche Zuständigkeit aufgrund der “außergewöhnlichen stadtpolitischen Bedeutung” schon Ende der neunziger Jahre vom Bezirk an sich gezogen. Derzeit muss Süsskind der Stadt noch Gutachten vorlegen. Am Ende muss das Abgeordnetenhaus den Bebauungsplänen zustimmen. In der Regel dauert es laut Auskunft des Senats rund zwei Jahre bis Baurecht existiert. Mit dem Bauen kann Süsskind also wohl erst in rund einem Jahr beginnen.

Bisher hat er sich nicht dazu geäußert, warum er das Gelände nun räumen lassen will, obwohl er es daraufhin bis zum Baubeginn langfristig sichern muss. “Ich möchte zu dem Thema keine Stellungnahme abgeben”, sagte er auf Anfrage von Kreuzhainer.

“Als Eigentümer hat er eine Sicherungspflicht für das Gelände und ist verantwortlich”, sagte die Sprecherin der Stadtentwicklungsbehörde, Daniela Augenstein, dem Kreuzhainer. “Ich kann mir vorstellen, dass das angesichts der Zustände dort für ihn auch keine schöne Situation ist.”

Über die Zustände dort ist viel geschrieben worden. Der “Tagesspiegel” prägte für die Brache den viel diskutierten Begriff “Berlins Favela”. Der “Berliner Kurier” nannte sie den “Kreuzberg-Slum” und titelte “Endlich: Der Schandfleck kommt weg”. Für “Zeit Online” ist das Gelände “einer der wenigen Freiräume, die es im Herzen Berlins noch gibt”, ein “Überbleibsel aus einer Zeit, in der Kreuzberg noch ungepflegt war, die Mieten niedrig, die Straßen voll mit Punks”. Die Brache polarisiert: Für die einen ist es ein Zufluchtsort im jährlich teurer werdenden Berliner Zentrum. Für die anderen ist es ein Platz der Verwahrlosung – mit Ratten, Fäkalien, Gestank, Krankheiten, Gewalt, Drogen, Müll, Diebstahl und Bränden.

In der von Senator Michael Müller (SPD) geführten Stadtentwicklungsbehörde überwiegt die Besorgnis. “Kinder gehen dort nachts um 1 Uhr barfuß betteln und nicht zur Schule“, sagte Sprecherin Augenstein. Die Situation belaste die Anwohner. “Man muss sich aus staatlicher Sicht schon fragen, ob das eine tragbare Situation ist.” Die Senatsbehörde sieht den Bezirk in der Pflicht. Er habe die “ordnungsrechtliche Hoheit über das Gebiet” und “könnte die Zustände beenden, wir nicht”.

Der Bezirk will nicht. Stadtrat Hans Panhoff (Grüne) verwies die Angelegenheit gegenüber der “taz” zurück an die Stadt: “Jetzt ist eben ausschließlich der Senat für das Gelände zuständig.” Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) argumentierte, sie könne den Familien keine Wohnungen anbieten, wolle keine Kinder in staatliche Betreuung geben und Familien auseinanderreißen. Kommt es zur Räumung, müsste der Bezirk handeln: Er ist für dabei obdachlos werdende Bewohner zuständig. Herrmann deutete auf Twitter an, dass Sozialstadtrat Knut Mildner-Spindler (Linke) bereits mit dieser Angelegenheit befasst ist.

Viele Eigentümer, viele Pläne

Eine Räumung wäre ein neues Kapitel in der langen stadtentwicklungspolitischen Debatte über das Gelände. Immer wieder wechselten seit Anfang der neunziger Jahre die Eigentümer. Immer wieder gab es konkrete Pläne, die nie verwirklicht wurden.

Von 1996 bis 1998 nutzte das Yaam-Projekt das Grundstück, dessen angrenzende Cuvrystraße im 19. Jahrhundert nach dem damaligen Besitzer und Kommunalpolitiker Heinrich Andreas de Cuvry benannt worden ist.  Mal sollte für 150 Millionen Mark eine Shopping Mall namens “Cuvry-Center“ mit Parkdecks entstehen, dann “Neue Spreespeicher” mit Büros, Restaurants und einer Tiefgarage, ein anderes Mal war von einem Fünf-Sterne-Hotel die Rede. Bereits die Pläne für das Einkaufszentrum führten zu Anwohner-Protesten. Auch der damalige Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) wollte es verhindern. Der Senat entzog ihm daraufhin die bauliche Zuständigkeit. Am Ende kam das Projekt ohnehin nicht zustande – wie alle anderen. 2011 kaufte Süsskind das Areal. Der Kampf um die Fläche ging unvermindert weiter.

2012 wollten die Solomon R. Guggenheim Foundation und der Autokonzern BMW auf dem Grundstück ein temporäres Projekt über das Leben in Großstädten veranstalten. Einige befürchteten dadurch eine weitere Aufwertung des Viertels und mobilisierten dagegen – bis das Vorhaben aufgrund von Gewaltandrohungen nach Prenzlauer Berg verlegt wurde. Als Süsskind im Juni 2013 in einem Zirkuszelt Anwohnern seinen Entwurf der “Cuvryhöfe” vorstellte, endete der Abend im Eklat. Baugegner schrien ihn und seine Mitarbeiter die gesamte Veranstaltung über nieder, wie ein Mitschnitt auf Youtube zeigt.

“Da geht es um mehr als Ihre Interessen als Eigentümer”, schimpfte eine wütende Frau ins Mikrophon. “Es geht auch um so etwas wie den sozialen Frieden.” Süsskind drückte sein Bedauern über die Wohnsituation der Brachenbewohner aus und verteidigte sein Projekt: “Ich bin nicht verantwortlich dafür, dass es bestimmte Probleme gibt.“ Grund für Wohnungsmangel sei aus seiner Sicht das fehlende Engagement der Politik im Wohnungsbau in den vergangenen Jahrzehnten. Beim Anteil der Mietwohnungen des Objekts bot er 10 Prozent zu reduzierten Mieten an. Wie hoch der jeweilige Anteil an Miet- und Eigentumswohnungen sein soll, blieb unklar. Das Projekt müsse rentabel sein, sagte Süsskind und fügte an: “Das Wort rentabel gefällt Ihnen möglicherweise nicht.”

Der ebenfalls anwesende damalige Bezirksbürgermeister schlug sich auf die Seite der Anwohner und unterstützte ihre Forderung nach einer Freifläche statt weiterer Bebauung. Die Bürger sollten beim Finanzsenator Druck für einen Kauf des Geländes machen, schlug er vor. Süsskind kündigte er an, die Bewohner der Brache würden nach einer Räumung vermutlich “vor Ihrer Haustür demonstrieren”.

Der 73-jährige Berliner Immobilien- und Hotelunternehmer Artur Süsskind entstammt einer Lackfabrikanten-Familie und betrieb Leder- und Jeansläden. 2009 gründete er mit einem Partner die Amano Group, die sie zur Hotel-Kette ausbauen. In Düsseldorf sowie in der Berliner August- und Torstraße stehen bereits Hotels, weitere sind am Hauptbahnhof, an der Friedrichstraße, am Hackeschen Markt und der Linienstraße geplant.

Zahlreiche Gesellschaften – aktuelle und frühere – sind unter seinem Namen zu finden, etwa Nieto, Terra-Contor Verwaltungsgesellschaft, Terra Brunnenstraße 1, Grundstücksgesellschaft Am Flughafen, Rokeach & Süsskind Immobilien, R & S Hotelbetriebsgesellschaft, Teka Zweiundzwanzig, Skk Grundstücksgesellschaft Maybachstrasse Verwaltungsgesellschaft, Scalar Liegenschaftsgesellschaft, Largo Grundstücksgesellschaft, Süsskind Liegenschaftsgesellschaft Stralauer Platz und Jeans 99. In Medienberichten ist unter anderem von Gewerbeimmobilien an der Schlossstraße in Steglitz, am Teltower Damm in Zehlendorf sowie von einem geplanten Geschäftshaus an der Zehlendorfer Clayallee die Rede.

Über das Vorhaben auf dem Cuvryareal hält sich Süsskind, dessen Frau Lala von 2008 bis Anfang 2012 Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin war, seit dem Eklat bei der Präsentation bedeckt. Eine Münchener Immobilienfirma namens Ritter, die den geplanten Bau in der Cuvrystraße unter “aktuelle Projekte” aufführt, wollte zu der Rolle ihres Unternehmens bei dem Vorhaben ebenfalls keine Angaben machen.

Auf der Cuvrybrache haben die Anzeichen auf eine mögliche Räumung unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. “Wir wissen leider immer noch nicht, was da dran ist”, schreiben die Bewohner auf ihrer Facebook-Seite. “Es scheint, als ob unser Projekt zum Ende kommt”, stellt eine auf dem Grundstück lebende italienische Architektin in ihrem Blog fest. Andere errichteten am Gelände Schilder: “Achtung! Erst Schule, jetzt Cuvry. Die Räumung von Kreuzberg geht weiter”. Am Ende ein Aufruf: “Helft uns”.

Vieles deutet darauf hin, dass die unendliche Geschichte der Cuvrybrache bald ein Ende findet. Doch danach sah es in den vergangenen zwei Jahrzehnten schon oft aus.

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