Als auf der Oberbaumbrücke die Mauer fiel

"Es war kein Durchkommen": Oberbaumbrücke am 11.11.1989 (Roehrensee/ CC BY-SA 3.0) "Es war kein Durchkommen": Oberbaumbrücke am 11.11.1989 (Roehrensee/ CC BY-SA 3.0)

Mauerfall-Bilder vom Brandenburger Tor und Bornholmer Straße in Berlin sind weltbekannt. Was am 9. November 1989 am Grenzübergang Oberbaumbrücke zwischen Friedrichshain und Kreuzberg passierte, wissen nur wenige. Ein Zeitzeuge: "Da war Himmel und Hölle los."

Kreuzhainer: Um kurz vor 19 Uhr am 9. November 1989 verkündete SED-Politbüromitglied Günter Schabowski unerwartet Reisefreiheit für die Bürger der DDR. Wie erfuhren Sie davon?

Matthias Rau: Ich war mit Freunden unterwegs im Keller des Deutschen Theaters, damals ein Szenetreffpunkt der Ost-Berliner Opposition und Subkultur. Dort erfuhren wir, dass irgendwas mit der Mauer sein soll. Es lag ja etwas in der Luft. Am 4. November hatte es die große Demonstration auf dem Alexanderplatz gegeben. Das Chaos war in diesen Tagen groß. Als wir nun hörten, dass an der Mauer irgendeine große Aufregung sein soll, dachten wir: Das dürfen wir nicht verpassen. Ich kaufte an der Theke im Deutschen Theater noch eine Flasche Sekt und dachte: Wenn da etwas ist, müssen wir darauf anstoßen.

Sie fuhren zur Oberbaumbrücke. Warum dorthin?

Für uns war klar: Wir wollen nach Kreuzberg rüber. Ich lebte seit Anfang der siebziger Jahre in Prenzlauer Berg. Es waren in den 80er Jahren viele Leute aus meinem Stadtteil mit Ausreiseanträgen nach Kreuzberg gegangen. Wir wussten, dass die sich in einer Kneipe treffen, der Marabu Bar an der Ecke Görlitzer und Oppelner Straße. Die gibt es noch immer.

Was war an der Oberbaumbrücke los, als Sie ankamen?

Da war Himmel und Hölle los, ein unheimlicher Menschenauflauf. Wir kamen wohl gegen halb zwölf am S-Bahnhof Warschauer Straße vom Alex an. Nach dem Aussteigen sahen wir schon die Hunderten Menschen an der Brücke. Um halb acht war die Nachricht in der “Aktuellen Kamera” gelaufen, der Hauptnachrichtensendung der DDR, um 20 Uhr in der “Tagesschau”. Die ersten Leute hatten sich daraufhin aufgemacht, um zu gucken, ob das stimmt.

Wann passierten Sie die Grenze?

Es gab ein Kontrollgebäude mit einem engen Durchgang. Dort musste man seinen Ausweis vorzeigen. Es staute sich, das war wie ein Flaschenhals. Es gab eine große Stahltür, damit die Grenzsoldaten mit Autos auf den Todesstreifen fahren konnten. Als ich weit genug vorne war, wurde von innen die Stahltür geöffnet, weil die Menschen von außen so großen Druck erzeugten. Es waren schon Leute durch den regulären Übergang gegangen, aber ich bin als erster durch diese Stahltür und wurde dabei fotografiert. Das Foto erschien in einer Zeitung.

Und plötzlich standen Sie im West-Berliner Kreuzberg?

Wir haben fast eine Stunde gebraucht, um über die Oberbaumbrücke zu kommen. Denn von der West-Berliner Seite kamen sie ja auch. Es war kein Durchkommen. Ich bin rüber, mir wurde die Hand geschüttelt und ich sah Blitze von Fotoapparaten. Alle lagen sich in den Armen und heulten. Das Wort “Wahnsinn” fiel wirklich tausendfach.

Ihr erster Eindruck?

Menschen über Menschen. An der Oppelner Straße am Schlesischen Tor war ein griechisches Restaurant. Es schenkte flaschenweise gratis Ouzo aus. Ouzo, das war mein erster Geschmack vom Westen. Deshalb trinke ich an jedem 9. November immer noch Ouzo. Und die türkische Imbissecke am Schlesischen Tor gab es damals schon. Da habe ich in den nächsten Tagen meinen ersten Döner gegessen.

Viele Ost-Berliner fragten nach dem Grenzübergang als erstes: “Wo geht’s zum Kudamm?”

Wir wollten lieber nach Kreuzberg. Es gab in den achtziger Jahren eine Radio-Musiksendung “S-F-Beat”, die im Sommer 1989 eine Umfrage startete, welches der ekligste Ort West-Berlins ist. Weit vorne lag die so genannte Pissröhre, eine übriggebliebene Unterführung des gesprengten Görlitzer Bahnhofs im Görlitzer Park, die die Wiener und die Görlitzer Straße verband. Als ich am 9. November 1989 nun im Marabu war, fiel mir das wieder ein. Ein Freund erzählte mir: “Der Eingang ist genau vor der Tür!” Ich war also nicht im Goldenen Westen oder am strahlenden Kudamm gelandet, sondern an der Pissröhre. Das war symptomatisch.

Waren Sie desillusioniert?

Nein, ich war durch Freunde im Westen und das dortige Fernseh- und Radioprogramm realistisch informiert. Aber am 9. November kippte bei aller Euphorie auch die Stimmung. Ab diesem Tag ging es nur noch ums Geld. Wie komme ich an West-Mark ran? Das war das beherrschende Thema. Es entstand sofort ein Schwarzmarkt für D-Mark. Es ist schön, wenn man nach West-Berlin kann, aber wenn man kein Geld hat, nutzt die ganze Sache nichts. Die 100 D-Mark Begrüßungsgeld waren schnell aufgebraucht. Die bisherigen Ideen, die DDR demokratisch zu erneuern, waren dadurch sofort hinfällig. Die Solidarität, die es in den Wochen vorher wegen dieser Aufbruchstimmung gegeben hatte, war schlagartig vorbei.

Was am 9. November 1989 an der Oberbaumbrücke passierte, weiß kaum jemand. Warum?

Die Oberbaumbrücke war nur ein Fußgängerübergang ausschließlich für West-Berliner. Er wurde kaum genutzt und war einfach nicht besonders bekannt.

Zur Person: Matthias Rau, Jahrgang 1953, lebt als Stadtführer in Berlin-Friedrichshain.

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