10 Kino-Klassiker aus dem Kiez

Im Kreuzberg der 90er: Franka Potente und Moritz Bleibtreu in "Lola rennt" (Foto: X Filme) Im Kreuzberg der 90er: Franka Potente und Moritz Bleibtreu in "Lola rennt" (Foto: X Filme)

Lola starb an der Schlesischen Straße, James Bond fuhr am Checkpoint Charlie in die DDR und Ulrich Mühe entdeckte als Ex-Stasi-Hauptmann in der Karl-Marx-Allee eine Nachricht: Diese zehn in Friedrichshain-Kreuzberg gedrehten Filme haben Geschichte geschrieben.

1. “Das Leben der Anderen” (2006)

Kurz bevor die Karl-Marx-Buchhandlung in der gleichnamigen Allee schließen musste, kam sie 2006 noch zu internationalem Filmruhm. In der Schlussszene des oscarprämierten Spitzel-Dramas “Das Leben der Anderen” entdeckt der frühere Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe) hier einen ihm gewidmeten Roman. Den Autor des Buches hatte Wiesler in der DDR observiert, dabei seinen Glauben an das System verloren und ihn schließlich geschützt.

Mit zwei weiteren Friedrichshainer Kulissen stellte Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck in seinem Langfilmdebüt das Ost-Berlin der Mitte der Achtziger nach. Die Eckkneipe “Gaststätte Krüger” an der Weserstraße 12 gestaltete er um, bis sie “ostiger war, als der Osten jemals war”, wie die Wirtin in der “Berliner Zeitung” anmerkte. Die Hausfassade des überwachten Schriftstellers filmte Donnersmarck  zwischen Ostbahnhof und Frankfurter Tor in der Wedekindstraße, weil sie noch so unsaniert anmutete wie vor der Wende.

Werbebanner, Bushaltestellen, Litfasssäulen, Schilder, Autos und Grafitti wurden für den Dreh entfernt. Manchmal waren die Sprayer allerdings schneller – und morgens vor Beginn der Aufnahmen waren schon wieder neue Sprühereien an der Wand.

 

2. “Lola rennt”(1998)

Als Regisseur Tom Tykwer seine Protagonistin Lola (Franka Potente) im Sommer 1997 über die Oberbaumbrücke hetzte, begann die Grenze zwischen Kreuzberg und Friedrichshain sich architektonisch gerade zu wandeln. Die Brücke war erst zwei Jahre zuvor instand gesetzt worden. Im Hintergrund gibt es noch keine 30 Meter hohe Aluminiumskulptur Molecule Men, an den Treptowers wurde noch gebaut.

Fernab des packenden Plots einer Frau, die in 20 Minuten 100.000 Mark auftreiben muss, um ihren Freund Manni (Moritz Bleibtreu) zu retten, hat der rasante Videoclip mit Chaostheorie-Anleihen auch den Aufbruch Berlins der Nachwende-Ära festgehalten. “Lola läuft in dem Film ja letztlich gegen den Tod an, und sie tut es in einer Stadt, die an vielen Stellen gerade ins Leben tritt”, sinnierte Tykwer, einst Leiter des Kreuzberger Moviemento-Kinos, 2008 gegenüber “Spiegel Online”.

Als Lola in der Kreuzberger Curvystraße Ecke Schlesische Straße stirbt, wirkt auch die Gegend – im Vergleich zu heute – eher unlebendig: Keine Kneipen, keine Geschäfte, keine bunten Fassaden. Im Hintergrund steht ein heruntergekommenes Eckhaus. Inzwischen ist darin der Club Lido beheimatet.

 

3. “Der Himmel über Berlin” (1987)

Mitte der Achtziger zog Regisseur Wim Wenders aus den USA nach Berlin und erkundete seine neue Heimat zu Fuß und per Rad. Fasziniert von den vielen Engelsfiguren der Stadt beschloss er, einen Film über zwei Engel namens Damiel (Bruno Ganz) und Cassiel (Otto Sander) zu drehen, die die Menschen in der Mauermetropole beobachten. 1987 erschien “Der Himmel über Berlin” und wurde ein Musterfilm des deutschen Programmkinos.

Wenders wollte auch in Ostberlin drehen. Doch Aufnahmen von Menschen, die durch Mauern gehen können, lehnte DDR-Vizekulturminister Horst Pehnert umgehend ab. Und so wurde das poetische Werk unbeabsichtigt auch ein Dokument des West-Berlins vor dem Mauerfall.

Kreuzberger Kulissen tauchen darin immer wieder auf. Die Schwarz-weiß-Ansichten von Anhalter Bahnhof, Gleisdreieck, Mehringplatz, Yorckbrücken, Bethaniendamm und Waldemarstraße wirken aus heutiger Sicht so grau, als stammten sie von der anderen Seite der Mauer. Ein paar Einstellungen drehte Wenders doch noch im Ost-Berliner Prenzlauer Berg – heimlich.

 

4. “Good Bye, Lenin!” (2003)

Aus dem Irrsinn der Wendezeit machte Regisseur Wolfgang Becker mit der Tragikomödie “Good Bye, Lenin!” einen der erfolgreichsten deutschen Filme. Die Geschichte eines Sohnes (Daniel Brühl), der das Ende der DDR vor seiner aus dem Koma erwachten Mutter (Katrin Sass) zu verheimlichen versucht, spielt vor allem an der Grenze der Berliner Ortsteile Friedrichshain und Mitte.

Die Plattenbau-Wohnung der Familie war in der Berolinastraße hinter dem Kino International angesiedelt, wurde jedoch im Studio mit DDR-Möbeln nachgebaut. Für Außendrehs wurde die Karl-Marx-Allee gesperrt. Damit sie wieder vollends nach realsozialistischem Boulevard aussah, wurden Autos, Parkuhren und Verkehrsschilder entfernt und eine Werbetafel der DDR-Filmmarke Orwo auf einem Dach am Strausberger Platz angebracht. “Nach einem halben Tag sah es aus wie früher”, erinnerte sich Szenenbildner Lothar Holler in der “Berliner Zeitung”.

 

5. “James Bond 007 – Octopussy” (1983)

Die Produzenten waren nervös, als die Dreharbeiten für den 13. James-Bond-Film “Octopussy” am 10. August 1982 am Kreuzberger Grenzübergang Checkpoint Charlie begannen. Ihre Befürchtungen, die Aufnahmen vis-à-vis der DDR könnten zu politischen Verwicklungen führen, bewahrheiteten sich jedoch nicht.

Zu sehen ist die Szene mit Roger Moore am US-Kontrollhäuschen erst nach eindeinviertel Stunden. Nach einer Fahrt vom Kurfürstendamm in die Kochstraße reist Agent 007 im schwarzen Mercedes 250 über die Friedrichstraße in die DDR ein und verhindert in der verworrenen Handlung schließlich obligatorisch den Atomkrieg.

Drehen durfte das Team natürlich nur im Westen und nutzte die Berliner Avus mit der Ausfahrt Hüttenweg als Kulisse einer Verfolgungsjagd. Mit Ost-Deutschland zeigten die Drehbuchautoren sich wenig vertraut. So wird Bond vor seiner Grenzüberquerung im Auto mitgeteilt, Karl-Marx-Stadt befinde sich östlich von Berlin. Tatsächlich liegt das heutige Chemnitz bekanntermaßen südlich der Spree-Metropole.

 

6. “Herr Lehmann” (2003)

Kaum ein Buch bildet das Lebensgefühl des Ortsteils Kreuzberg SO 36 Ende der achtziger Jahre so ab wie das Roman-Debüt “Herr Lehmann” des Element-Of-Crime-Sängers Sven Regener über einen 29-jährigen Kneipen-Jobber. Für die 2003 erschienene Verfilmung mit Christian Ulmen ließ Regisseur Leander Haußmann einige Originalschauplätze in entfernten Studios nachbauen.

So wurde die Inneneinrichtung des “Weltrestaurant Markthalle” (im Film: “Markthallenkneipe”), eigentlich in der Pücklerstraße 34, in einem Kölner Studio imitiert. Was auf der Leinwand wie die Wiener Straße aussieht, ist nur eine Kulisse des Filmstudios Babelsberg.

Die Außenaufnahmen der “Markthalle”, das Prinzenbad, das Urban-Krankenhaus, der Döner-Imbiss “Mısır Çarşısı” am Kottbuser Tor, der Heinrichplatz und der Landwehrkanal sind dagegen echt. Dass es das “Weltrestaurant Markthalle” 1989 in dieser Form noch gar nicht gab – geschenkt.

 

7. “Prinzessinnenbad”(2007)

“Ich komm aus Kreuzberg, du Muschi” – dieser Satz wurde 2007 zum geflügelten Wort und T-Shirt-Slogan weit über den Berliner Stadtteil hinaus. Er stammt von Tanutscha, eine der drei Freundinnen, deren rauer Pubertätsalltag zwischen Kottbusser und Schlesischem Tor im Coming-of-Age-Dokumentarfilm “Prinzessinnenbad” porträtiert wird.

Im Cliquen-Treff Prinzenbad lautet die Begrüßung “Na, du kleine Missgeburt”. Im Görlitzer Park werden bei Bier und Zigarette Drogenerfahrungen ausgetauscht. In der Kneipe legen ihre türkischstämmigen Partner den Mädchen bei einer Wasserpfeife dar, Homosexualität sei “unmenschlich”.

Inspiriert von der Debatte über Integration plante Regisseurin Bettina Blümner eigentlich einen Film über die Schwimmanstalt Prinzenbad. Doch irgendwann wollte das taffe Teenager-Trio dort nicht mehr hin. Heinrichplatz, Wiener Straße, Oranienstraße, Skalitzer Straße, Görlitzer Bahnhof und die Bowling-Bahn an der Hasenheide wurden Drehorte. Das Erwachsen werden im Migranten-Milieu Kreuzbergs rückte in den Fokus.

 

8. “Die Legende von Paul und Paula” (1973)

Als “Die Legende von Paul und Paula” am 29. März 1973 im Kosmos-Kino an der Berliner Karl-Marx-Allee Premiere feierte, waren auf der Leinwand meist benachbarte Straßen zu sehen: Die Liebesgeschichte zwischen der alleinerziehenden Verkäuferin Paula und dem verheirateten Beamten Paul spielt hauptsächlich in Friedrichshain.

Dort war der DDR-Klassiker nach dem Drehbuch von Ulrich Plenzdorf – abgesehen von Aufnahmen im Defa-Studio Babelsberg – auch gefilmt worden: Paul wohnt in der Singerstraße 51 hinter dem Ostbahnhof im Plattenbau, Paula im Altbau gegenüber. Das Haus, in dem sie im Film wohnt, steht längst nicht mehr. Altbauten wurden seinerzeit in der Gegend reihenweise gesprengt, wie im Film zu sehen ist.

Die Straße der Pariser Kommune, die Warschauer Brücke, der Bunkerberg im Volkspark und die Rummelsburger Bucht dienen ebenfalls als Kulisse. Die dortige Fahrt des Paares mit einem bemalten Kahn beeindruckte Cineasten so sehr, dass der Uferweg 1998 offiziell “Paul-und-Paula-Ufer” benannt wurde. Eine, die die Lovestory besonders berührte, heißt Angela Merkel. Sie bezeichnete ihn mal als ihren Lieblingsfilm.

 

9. “Bourne Verschwörung” (2004) und “Bourne Ultimatum” (2007)

Gleich zwei Mal kamen Teams zum Drehen der US-Agenten-Thriller-Reihe “Bourne” nach Berlin. Viele der hier für “Bourne Verschwörung” (2004) und “Bourne Ultimatum” (2007) aufgenommenen Szenen stellten im Kino jedoch schließlich Moskau dar. Die Grenze zwischen Friedrichshain und Mitte eignete sich mit ihrer markanten Ostblock-Architektur dafür besonders.

Während der rund 70 Berlin-Drehtage für den zweiten Teil wurden etwa Karl-Marx-Allee, Ostbahnhof und Café Moskau ins Bild gerückt, um die Geschichte des unter Gedächtnisverlust leidenden Ex-CIA-Profikillers Jason Bourne (Matt Damon) zu erzählen. Dass neben dem Kino International auch ein Bus der Berliner Verkehrsbetriebe ins angebliche Moskau geraten ist, fällt inmitten der schnellen Action-Schnitte kaum auf.

Für den dritten Teil ließ Regisseur Paul Greengrass am Platz der Vereinten Nationen, der Mollstraße, der Berolinastraße und am Volkspark Friedrichshain Ladas im Kunstschnee parken und Männer in russischen Uniformieren patrouillieren. Berlin war nun nur noch Moskau. Den kommerziellen Erfolg verhinderte das nicht: Der Film spielte eine halbe Milliarde Dollar ein und gewann drei Oscars.

 

10. “Berlin Calling” (2008)

So legendär der Ruf der Club-Kultur Friedrichshains in aller Welt auch ist – der erste in der hiesigen Techno- und Drogenszene angesiedelte Spielfilm kam erst 2008 heraus. Der fiktive DJ Martin Karow alias Ickarus tourt in dem Musikerdrama mit seiner Feundin und allerlei Drogen durch Clubs – bis er aufgrund einer drogeninduzierten Psychose in einer psychiatrischen Klinik landet und die Geschichte an das US-Drama “Einer flog über das Kuckucksnest” anspielt.

Die Partynächte drehte Regisseur Hannes Stöhr in den damaligen Spree-Clubs “Maria am Ostbahnhof” und “Bar 25″. Gleich um die Ecke, an der East Side Gallery, bricht die Hauptfigur Ickarus auf einem Ecstasy-Trip zusammen. Dass es dem Film nicht an Authentizität mangelt, liegt auch am in Friedrichshain und Lichtenberg aufgewachsenen Musiker Paul Kalkbrenner. Eigentlich nur als Soundtrack-Produzent und Berater vorgesehen, übernahm er ohne schauspielerische Erfahrung die Hauptrolle und wurde daraufhin einer der bekanntesten DJs Deutschlands.

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