Wo sich Füchse im Bezirk verstecken

Das Foto gelang Hans Guerich auf einem der Bergmannstraßen-Friedhöfe - er lag dabei. Das Foto gelang Hans Guerich auf einem der Bergmannstraßen-Friedhöfe - er lag dabei.

Die Aussicht auf Essensreste des Menschen lockt immer mehr Füchse nach Berlin. Allein für Friedrichshain-Kreuzberg wurden in den vergangenen Monaten zahlreiche Sichtungen in sozialen Netzwerken und Blogs dokumentiert. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Ein Mann brät auf einer Wiese Würstchen auf einem Einweggrill. Seine Schuhe stehen ausgezogen hinter ihm. Er hört ein Geräusch, dreht sich um – und sieht einen kleinen Fuchs mit einem seiner Schuhe davonziehen. Der Mann springt auf, der Fuchs rennt. Eine kleine Verfolgungsjagd beginnt. Die filmreife Episode trug sich im Volkspark Friedrichshain zu.

Wilde Füchse laufen jeden Tag durch die Straßen von Friedrichshain-Kreuzberg. In den vergangenen Monaten sind Fuchs-Fotos aus dem Bezirk in mehreren Blogs wie Kreuzberg Süd-Ost, Friedrichshain-Blog und Sinedi Blog, auf der Kurznachrichtenplattform Twitter, den Foto-Plattformen Instagram und Flickr und in Zeitungen aufgetaucht.

Das Phänomen betrifft ganz Berlin. Rund 1400 Rotfüchse (Fachbezeichnung Vulpes vulpes) leben flächendeckend in der Stadt, schätzt die Stadtentwicklungsbehörde – deutlich mehr als auf entsprechender Fläche auf dem Land. Ihre Population in Berlin steigt laut Landeslabor seit Jahrzehnten, allerdings mit erheblichen Schwankungen. So verringerte sich ab 2008 ihr Bestand durch die Ausbreitung der Infektionskrankheit Staupe zeitweise massiv, erholte sich allerdings wieder. “Es werden eindeutig mehr”, sagt der Biologe Konstantin Börner, der gerade seine Dissertation über den Lebensraum von Füchsen in Berlin und Brandenburg fertiggestellt hat.

Früher Gewehr, heute Handy

Dass die Tiere in der Hauptstadt immer mehr in den Fokus rücken, führt der Berliner Wildtierbeauftragte Derk Ehlert darauf zurück, dass sich ihr Verhältnis zum Menschen entspannt. “Die Vertrautheit der Tiere ist gewachsen”, sagt er. Dadurch seien sie tagsüber im Stadtbild sichtbarer. “Ihr Zutrauen führt auch dazu, dass sie sich eher fotografieren lassen.”

Ihre wachsende Bereitschaft für ein schnelles Bild und die Verbreitung von Smartphones macht die Berliner Füchse multimedial präsent. Noch nie war ein Foto oder Video so schnell aufgenommen und im Internet verbreitet. Früher wurden die Tiere auf dem Land mit Gewehren gejagt, heute mit Mobiltelefonen in der Stadt. Für die Häufung von Fuchs-Fotos hat Ehlert allerdings noch eine andere Erklärung. “Unsere subjektive Wahrnehmung für Füchse hat zugenommen, weil wir uns ansonsten von der Natur entfremden.”

Dabei sind die Tiere nicht gerade auf unsere Aufmerksamkeit aus. Für gewöhnlich halten sie Distanz zum Menschen, sind bei Begegnungen scheu, geben sich unbeeindruckt und lassen sich dort nieder, wo sie sich in Ruhe zurückziehen und ungestört ihre Jungen aufziehen können. Das kann unter einem Container sein, auf einem Friedhof, einer Brache, dem Gelände eines Seniorenheims, einer Botschaft, einer Kita oder auf der abgeschirmten Grünfläche eines Autobahnzubringers. “Ideale Standorte haben gute Rückzugsgebiete und Verstecke”, sagt der Biologe Börner. Auf ihrem Kontrollgang durch ihr rund einen halben Quadratkilometer großes Revier durchstreifen sie auf der Suche nach Nahrung Parks und Gärten und kreuzen auch viel befahrene große Straßen. Als lernfähige Tiere bleiben viele vor dem Überqueren am Straßenrand erst einmal stehen und gucken nach links und rechts. Dann erst gehen sie los.

Tod im Landwehrkanal

Auch in Friedrichshain-Kreuzberg haben sie einige Verstecke und Nahrungsquellen ausgemacht. Die Verteilung der Berichte deutet darauf hin, dass Kreuzberg bei Füchsen beliebter ist als Friedrichshain – wahrscheinlich aufgrund der drei Parks des Ortsteils und seiner Nähe zum Tempelhofer Feld und zur Hasenheide. In Kreuzberg legen Berliner Fuchsfotografen sich häufig auf den Friedhöfen an der Bergmannstraße, dem Tempelhofer Feld sowie dem Areal dazwischen an der Golßener Straße auf die Lauer. Beobachtet wurden die Tiere auch am Görlitzer Park, an der Kottbusser Straße, am Moritzplatz, an der Kreuzbergstraße, im Viktoriapark, auf dem Gelände der St.-Bonifatius-Kirche, am Mehringdamm, der Gneisenaustraße, der Möckernstraße, der Yorckstraße und der Stresemannstraße.

In der Dudenstraße starb ein Tier, als es von einem Auto angefahren wurde. Ein anderes Exemplar verendete auf Höhe des Planufers, als es beim Reißen eines Schwans auf dem zugefrorenen Landwehrkanal einbrach. Auf dem Hof der Charlotte-Salomon-Grundschule an der Großbeerenstraße erschoss ein Jäger vor Jahren mal ein Tier, nachdem es zur Pausen-Attraktion geraten war.

Revier Volkspark

In Friedrichshain entdeckten Passanten die Raubtiere mit dem buschigen Schwanz am Ostkreuz, an der Straße der Pariser Kommune, am Petersburger Platz, der Landsberger Allee und immer wieder im Volkspark Friedrichshain. Der mit 49 Hektar größte Park des Bezirks ist fast so weiträumig wie die drei Kreuzberger Grünflächen Görlitzer Park, Viktoriapark und Gleisdreieck zusammen. Auf der Wiese am kleinen Bunkerberg ist das Grillen erlaubt, so dass Essensreste die Tiere im Sommer satt machen. Dass Hunde rund um den Märchenbrunnen und den Bachlauf verboten sind, kommt ihnen ebenfalls gelegen.

Besonders viele Fuchs-Berichte, Fotos und wackelige Youtube-Videos gibt es vom Gelände des Klinikums im Friedrichshain. Das Gebiet des Hospitals passe gut zu den Ansprüchen der Tiere, bestätigt der Wildtierbeauftragte Ehlert. Der Krankenhausbetreiber Vivantes bestreitet auf Anfrage allerdings, dass sich noch ein Tier auf dem Areal herumtreibt. “Es hat früher über mehrere Jahre einen ‘Krankenhaus-Fuchs’ am Vivantes-Klinikum im Friedrichshain gegeben”, teilt eine Sprecherin mit. “Dieser ist in den letzten Jahren aber nicht mehr gesichtet worden.” Wahrscheinlich sei er durch Baumaßnahmen vertrieben worden, so die Vivantes-Sprecherin. Ein im September 2013 bei Instagram veröffentlichtes Video vom Klinikgelände erlaubt jedoch Zweifel an der Behauptung, dort sei seit Jahren kein Fuchs mehr gesichtet worden:

 

Die zahllosen Kurzvideos im Netz zeigen: Einen wilden Fuchs aus der Nähe beobachten zu können, ist für die meisten Großstädter ein Ereignis. So viel Irrsinn die Berliner im Allgemeinen und die Friedrichshain-Kreuzberger im Besonderen auf ihre Straßen auch gewöhnt sein mögen – wenn sie das oben rötliche und unten weiße Fell, die schwarze Ohren-Rückseite oder das heisere Bellen eines Fuchses erkennen, verstummen viele vor Staunen. Die Gäste eines Berliner Biergartens gaben einem allabendlich vor der Tür auftauchenden Fuchs mal den Spitznamen “Madonna”  – weil er wie die Sängerin jeden faszinierte. Zu sehen ist das in der Dokumentation “Wild in Berlin”.

“Miteinander ist möglich”

Füchse können sich inzwischen eines guten Rufs beim Menschen erfreuen, was ihre Flucht aus der Provinz in die City befördert. Die Großstädter besitzen keine Hühner, um die sie bangen müssen, freuen sich über die Beseitigung von Ratten und bewundern die Intelligenz und Anpassungsfähigkeit der Raubtiere. So kommt es, dass Berliner ihre Bars (“Fuchsbau”, “Fuchs und Elster”), Handballvereine (“Füchse Berlin”) oder als Sänger gleich sich selbst (Peter Fox) nach ihnen benennen. Auch die Stadt Berlin gibt sich in einer Broschüre betont fuchsfreundlich: “Der Fuchs bereichert die Fauna in unseren Siedlungsgebieten. Wir haben die Möglichkeit, unseren Lebensraum mit ihm zu teilen, um ihn zu beobachten und sein Verhalten zu verstehen. Durch umsichtiges Verhalten ist ein Neben- und Miteinander zwischen Tier und Mensch möglich.”

Trotz solcher Bekundungen verunsichert ein Zusammentreffen einige Menschen erheblich. Sie nehmen an, der Fuchs habe sich aus dem Umland in die Stadt verirrt, sei zwangsläufig eine Bedrohung und rufen den Jäger. Wildtierexperten entwarnen dann: Gesunde Füchse greifen Menschen normalerweise nicht an. Berlin ist frei von Tollwut und Fuchsbandwurm. Bewahren Sie Ruhe. Fassen Sie das Tier nicht an. Lassen Sie ihm einen Fluchtweg. Und, was den meisten Menschen am schwersten fällt: Füttern Sie es nicht. Dadurch werden Tiere halbzahm, gewöhnen sich an die Nahrungsgabe und kommen wieder. In einigen Fällen gingen sie dann in Wohnungen hinein oder wurden ungemütlich, als die Spende ausblieb. Fütterern droht bis zu 5000 Euro Strafe.

Die Mülltonnen locken

Die Aussicht auf mühelose Nahrung ist es auch, die den Fuchs in die Stadt zieht – verbunden mit der Sicherheit, nicht mehr gejagt zu werden. Mit dem Wirtschaftwunder nach dem Zweiten Weltkrieg begannen die essbaren Abfälle des Menschen ihn zunächst an den Stadtrand Berlins zu locken. Ende der fünfziger Jahre soll erstmals ein Fuchs im Tierpark entdeckt worden sein. Seit den Neunzigern ist die Stadt vollständig besiedelt.

Den Speiseplan der Füchse hat das gehörig verändert. Die anspruchslosen Tiere fressen das, was sie mit am wenigsten Aufwand bekommen. Früher waren das Mäuse, Kaninchen, Regenwürmer, Aas und Früchte. In der Großstadt gelangen sie einfacher an Mülltonnen, Komposthaufen, Grillreste und Futternäpfe von Hunden und Katzen und bedienen sie sich häufiger daran, fanden Forscher der Humboldt-Universität heraus. Da Füchse ihre kleinen Beutetiere alleine erlegen können, galten sie stets als Einzelgänger. Das Stadtleben schweiße sie nun eher zu Familien zusammen, sagt Biologe Börner.

Gelegentlich knirscht es noch bei der Integration der Wildtiere ins urbane Leben. Mal muss die Berliner Polizei einen jungen Fuchs befreien, der mit dem Kopf in einer Wurstdose feststeckt. Mal reißen Füchse nachts im Zoologischen Garten exotische Tiere wie Zwergantilopen, Brillenpinguine und Parmakängurus. Mal wird ein Fuchs aus einem Rohbau in Mitte in den Grunewald transportiert, weil er Arbeiten stört – und sitzt am nächsten Tag wieder auf der Baustelle in Mitte. Mal spaziert einer über die Wiese des Kanzleramts, mal durch den Palast der Republik. Mal lässt sich ein Tier nachts von Feiernden vor einer McDonald’s-Filiale mit Fast Food füttern. Mal hält eine Spaziergängerin einen Fuchs für einen Hund und fragt ihn, wo denn sein Herrchen ist.

Langweilig wird es nicht, wenn Fuchs und Mensch auf engstem Raum das Terrain miteinander teilen, das der Mensch nach seinen Ansprüchen geformt hat. Die Füchse schätzen den kulinarischen Komfort Berlins und Friedrichshain-Kreuzbergs. Die Menschen genießen ein Stück Wildnis in ihrer zivilisierten Mitte – und nehmen es dafür hin, dass sie auch mal einem stibitzten Schuh im Volkspark Friedrichshain hinterherlaufen müssen.

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03.06.2014