Kreuzbergs berühmtestes Graffiti nachts übermalt

Das Wahrzeichen des Wrangelkiezes verschwindet (beide großen Fotos: Marc Honninger). Das Wahrzeichen des Wrangelkiezes verschwindet (beide großen Fotos: Marc Honninger).

Trauer in sozialen Netzwerken: Das bekannte Wandgemälde des Street-Art-Künstlers Blu an der Schlesischen Straße ist überraschend komplett schwarz übermalt worden. Der Künstler selbst veranlasste die Aktion - als Statement zum Wandel des Viertels.

In der Nacht zum Freitag herrschte bei vielen Berlinern auf Facebook und Twitter Trauerstimmung. Grund war die sich rasant verbreitende Nachricht, das 2007 und 2008 entstandene Graffiti des Street-Art-Künstlers Blu an der so genannten Kreuzberger Cuvrybrache werde gerade schwarz übermalt. Fotos dokumentierten den Aufbau von Kränen und den Verlauf der Übermalung an der Schlesischen Straße. Zunächst ließen die Übermalenden einen weißen Mittelfinger des Gemäldes stehen. Auch dieser wurde schließlich geschwärzt.

 

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Beide Häuserwände des zweiteiligen Bildes waren schließlich mit schwarzer Farbe übermalt, die rechte Wand komplett, auf der linken wurde ausschließlich die Silhouette des Graffitis geschwärzt. Die nicht vom Künstler Blu stammenden Tags im Bodenbereich der Wände blieben bestehen.

Auf Twitter äußerten sich Nutzer entsetzt: “Herzzerreißend”, “Ende einer Ära”, “unfassbar” und “eine Schande” lauteten einige der Kommentare.

Der Künstler selbst schwieg zunächst zu der Aktion. Eine Anfrage von Kreuzhainer beantwortete er am Freitagabend schließlich mit einem Verweis auf einen neuen Eintrag seiner Internetseite. “2007 und 2008 habe ich zwei Wände an der Cuvrystraße in Berlin bemalt (mit Unterstützung von Lutz, Artitude and (ihren Helfern)”, heißt es dort. “2014, nachdem wir Zeuge der Veränderungen in der Umgebung in den letzten Jahren geworden waren, hatten wir das Gefühl, es war Zeit, beide Bilder zu entfernen.”

Die Überschrift seines Eintrags lautet: “When the finger points to the moon…” Sie spielt offenbar auf ein Sprichwort an, das sinngemäß lautet: Zeigt ein Weiser mit dem Finger auf den Mond, guckt der Dummkopf auf den Finger.

In dem Blog polysingularity.com des Künstlers Dmitry Paranyushkin wird unter Berufung auf Teilnehmer der Übermalung behauptet, Blu habe die Aktion beschlossen, nachdem er erfahren habe, dass ein Neubau mit Blick auf seine Gemälde geplant ist. Er habe sicherstellen wollen, dass “niemand einen Vorteil aus der Originalarbeit erlangen kann”.

Das Graffiti war in den vergangenen Jahren zu einem Wahrzeichen des bei Touristen beliebt gewordenen Wrangelkiezes geworden. Mehr als 7500 Menschen hatten eine Online-Petition unterzeichnet, die den Senat aufforderte, das Graffiti unter Denkmalschutz zu stellen. Dies blieb aus.

Das Gelände am Kreuzberger Spreeufer hat für viele symbolische Bedeutung für die Veränderung des Stadtteils. Bereits seit zwei Jahrzehnten wird um eine Bebauung des Cuvry-Geländes gerungen. Von 2012 bis 2014 hatten schließlich Obdachlose und Aussteiger auf der Fläche ein Dorf aus Holzhütten und Zelten errichtet und dort ohne Toiletten, Duschen und Strom gewohnt – bis nach einem Brand im September 2014 die Bewohner nicht mehr auf das Gelände zurückgelassen wurden und es an den Besitzer übergeben wurde.

 

Dieser will dort Hunderte Wohnungen unter dem Namen “Cuvryhöfe” errichten. Im März 2013 hatte er einen Antrag auf Einleitung eines Bebauungsplans eingereicht. Die Senatverwaltung für Stadtentwicklung teilte damals gegenüber Kreuzhainer mit, dass es rund zwei Jahren dauern werde, bis Baurecht existiert.

Nach der Räumung des Hüttendorfes war die Cuvrybrache von einem privaten Dienst im Auftrag des Besitzers gesichert worden – nun, in der Tatnacht, offenbar nicht.

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