Im Hansa Studio retteten sich Bowie und U2

Raum mit Geschichte: Meistersaal des Hansa Studios (Foto: In3s/ CC BY-SA 3.0) Raum mit Geschichte: Meistersaal des Hansa Studios (Foto: In3s/ CC BY-SA 3.0)

In einer Kreuzberger Seitenstraße des Potsdamer Platzes entstanden legendäre Pop-Platten. Die Mauer-Lage des Hansa Studios zog Weltstars auf Sinnsuche an. Heute lockt der Mythos Musiker, Firmen und Fans.

Immer wieder klingelt in den Hansa Studios das Telefon und neugierige Fans wollen irgendetwas wissen. Andere kommen einfach vorbei und wollen hineingucken. Ein Tonmeister oder eine Reinigungskraft verweist sie dann auf die organisierten Touren. Für Popfans ist das Haus in der Köthener Straße 38 ein mythischer Ort. Hier in einer Kreuzberger Seitenstraße, 100 Meter vom Potsdamer Platz entfernt, entstanden einige der einflussreichsten Platten der vergangenen Jahrzehnte.

Der britische Sänger David Bowie spielte hier 1976 und 1977 die Alben “Low” und “Heroes” ein, sein amerikanischer Punkrock-Kumpel Iggy Pop in den selben Jahren “The Idiot” und “Lust For Life”. Die britischen Elekronikpopper Depeche Mode arbeiteten hier zwischen 1983 und 1986 an den Platten “Construction Time Again”, “Some Great Reward”, “The Singles 81- 85″ und “Black Celebration”. Die irische Rockband U2 kam 1990 für ihr Epos “Achtung Baby” und ihre US-Kollegen R.E.M. 2010 für ihr letztes Werk “Collapsed Into Now”.

Im Eingangsbereich hängen Fotos weiterer Kunden: Nena, Nick Cave, Udo Jürgens, Zarah Leander, David Byrne, Herbert Grönemeyer, Hildegard Knef und die Einstürzenden Neubauten. Aber selbst da fehlen noch Dutzende ganz großer Namen. Die Hansa Studios sind Berlins berühmtestes Tonstudio, eine Art deutsche Abbey Road Studios. In keiner Liste der bekanntesten Aufnahmesäle der Welt fehlt ihr Name. Sie sind das bedeutendste Museum für Pop-Geschichte der Nation. Doch kaum jemand weiß, wo genau es liegt (in der Mitte der drei Bahnhöfe Potsdamer Platz, Anhalter Bahnhof und Mendelssohn-Bartholdy-Park) oder gar, wie es von innen aussieht.

Tucholsky liest, Nazis tanzen

Dabei lohnt vor allem der so genannte Meistersaal einen Blick: 266 Quadratmeter groß, eine sieben Meter hohe Holzkassettendecke, holzvertäfelte Wände, hohe Fenster, Stäbchenparkett und eine 24-Quadratmeter-Bühne. Seine Geschichte begann lange vor dem Siegeszug der Popmusik. Die Bauhandwerker-Innung errichtete das Gebäude 1913 als Verbandshaus und stattete es zur Förderung der Kultur mit einem Konzertsaal aus. Zu seinem Namen erlangte der Meistersaal, als Gesellen nach bestandener Prüfung hier ihre Meisterbriefe überreicht wurden. 1921 las der Autor Kurt Tucholsky. In den dreißiger Jahren veranstaltete die Reichsmusikkammer der Nazis Konzerte. 1943 zerstörten Bomben den hinteren Gebäudeflügel und die umliegenden Häuser. Der Meistersaal blieb verschont. Ende der vierziger Jahre wurde er “Susis Ballhaus”. Durch den Bau der angrenzenden Mauer 1961 geriet er ins Abseits: Das Haus stand nun nicht mehr im kulturellen Zentrum Berlins, sondern in einer Brache an einem Todesstreifen des Kalten Krieges.

Unzerstörte Musiksäle waren nach dem Krieg in Berlin rar. Die Plattenfirma Ariola erkannte die überragende Akustik des Meistersaals und macht ihn zum Aufnahmestudio für Sänger wie René Kollo und Peter Alexander. 1964 mieteten die Gebrüder Peter und Thomas Meisel das Studio immer wieder für Aufnahmen. Sie hatten den Musikverlag ihres Vaters übernommen und feierten mit Schlagern wie Drafi Deutschers “Marmor Stein und Eisen bricht” Erfolge. 1976 kauften sie das Gebäude, benannten den Meistersaal in “Hansa Studio 2″ um, bauten weitere Studios in das Haus und empfingen den ersten internationalen Superstar, David Bowie.

Kontaktabzug für Bowie-Album “Heroes” 1977 (© Masayoshi Sukita / The David Bowie Archive)

Mit Bowie änderte sich für die Hansa Studios alles. Die Strahlkraft seiner beiden 1976 und 1977 hier aufgenommenen Meisterwerke “Low” und “Heroes” sowie der von ihm hier mitproduzierten Iggy-Pop-Klassiker “The Idiot” und “Lust For Life” zog die folgenden Jahrzehnte immer wieder international renommierte Musiker an. Die Bowie-Bewunderer kreierten wiederum selbst einflussreiche Stücke im Hansa. Bowie, der für das Hansa den Spitznamen “the big hall by the wall” geprägt haben soll, hatte einen Mythos in Gang gesetzt, der sich nach ihm verselbständigte.

Bowie auf Entzug

Dazu haben unzählige Anekdoten beigetragen. Von Bowie, der mit seinem Kumpel Iggy Pop in die Schöneberger Hauptstraße 155 zog, um in der Anonymität von seiner schweren Kokainsucht loszukommen. Der dann tagsüber mit dem Fahrrad ins Hansa fuhr und abends in den Kreuzberger Clubs SO36 und Exil feierte. Der eine Affäre mit der transsexuellen Romy Haag gehabt haben und, begleitet von drei jungen Frauen, Iggy im Studio angeboten haben soll: “Such dir eine aus – ich nehm die anderen zwei.” Der vor Angst unter das Mischpult gekrochen sein soll, als Tonmeister Eduard Meyer, mit einer Hängelampe aus dem Studiofenster auf die DDR-Wachen leuchtete und ihnen die Zunge herausstrecke. Der sich von einem Paar unter dem Wachturm zu seinem Evergreen “Heroes” inspirieren lassen haben soll, während die Berliner S-Bahn Iggy Pop auf die Idee zu seinem im Hansa eingespielten Klassiker “The Passenger” gebracht haben soll.

David_Bowie_Meistersaal

Bowie und Tonmeister Meyer im Meistersaal (Foto: In3s/ CC BY-SA 3.0)

Die Musealisierung von Bowies Hansa-Zeit komplettieren Fotos und Schnipsel, die in Internet-Fanforen, bei Führungen und Ausstellungen kursieren. Ein Bild zeigt ihn 1977 mit Schnurrbart und Karohemd, den Arm kumpelhaft um Produzent Tony Visconti und Tonmeister Eduard Meyer gelegt. Für seinen Eintrag in Meyers Gästebuch am 16.10.1976 mimte Bowie einen Staubsauger-Vertreter: “Good morning… Could I interest you in a new Hoover…!”

Seine Berlin-Phase von 1976 bis 1978 hat es zum eigenen, viel verklärten Abschnitt seiner Biographie gebracht. Sein englischsprachiger Wikipedia-Eintrag widmet der “Berlin era” ein eigenes Kapitel. Der FAZ-Journalist Tobias Rüther zeichnete sie 2008 in dem Buch “Helden. David Bowie und Berlin” nach. Die derzeit nah des Hansa Studios im Martin-Gropius-Bau zu sehende Wanderausstellung über Bowie sowie ein angekündigter Kino-Film über seine und Iggys Berliner Jahre befeuern den Mythos.

Depeche Mode werfen Blumentöpfe

In den Hansa Studios ging es von nun an Schlag auf Schlag. 1983 kamen erstmals Depeche Mode, eingeladen von ihrem neuem, in Berlin lebenden Produzenten Gareth Jones. Wie für Bowie wurde es auch für die vier Briten eine mehrjährige, hochproduktive Phase bis 1986. Im Hansa tüftelten sie an den Alben “Construction Time Again”, “Some Great Reward” und “Black Celebration” und nahmen den Song “Shake The Disease” für ihre Best-Of-Platte “The Singles 81 – 85″ auf. Einige ihrer größten Hits wie “Everything Counts”, “People Are People” und “Master And Servant” entstanden hier, manchmal während Fans auf der Wendeltreppe zum Meistersaal zuhörten.

Die Berliner Club- und Künstlerszene mit Exzentrikern wie den Einstürzenden Neubauten beeindruckte die vier vorerst noch brav aussehenden Anfangzwanziger. Sie entdeckten härtere Sounds, posierten in Lederjacken vor der Mauer, feierten exzessiv in den Clubs Dschungel, DNC und Linientreu, spielten Fußball, warfen Blumentöpfe aus den Studio-Fenstern auf die Mauer und schleppten Lautsprecher vor das Haus, um DDR-Grenzsoldaten Musik vorzuspielen. Seine Ballade “Somebody” sang Songwriter Martin Gore im Meistersaal nackt ein. 1984 zog er nach Berlin-Charlottenburg zu seiner deutschen Freundin Christina Friedrich.

1986 beendeten Depeche Mode ihre Hansa-Ära. Dem Studio stand abermals ein Umbruch bevor. Durch den Fall der Mauer 1989 lag es nicht mehr im kargen Abseits, sondern in einer der aufstrebendsten Lagen Europas, am Potsdamer Platz. Das Ende des Kalten Krieges zog einen weiteren Weltstar auf der Suche nach sich selbst an den Schauplatz der Ost-West-Vereinigung.

U2 vor dem Aus

Das irische Rock-Quartett U2 landete am 3. Oktober 1990 in Berlin, dem Tag der Deutschen Wiedervereinigung. Um die Stimmung einzufangen, wollte die im alten DDR-Palasthotel wohnende Gruppe sich auf der Straße unter die Feiernden mischen, geriet jedoch in Ost-Berlin überrascht in einen linksradikalen Protestzug gegen die Wiedervereinigung.

Gekommen waren sie, um sich, wie Bowie, aus einer tiefen Krise zu befreien: Ihr jüngstes Album und der dazugehörige Film “Rattle and Hum” waren von Kritikern zerrissen worden. Die langjährige Ehe von Gitarrist The Edge war gerade zerbrochen. Die Gruppe stritt unentwegt, wollte weg vom ernsten Moral-Rock und sich mit Industrial- und Dance-Einflüssen neu erfinden. Schlagzeuger Larry Muller jr. stemmte sich allerdings dagegen. Auch im Hansa-Studio wollte der Neuanfang zunächst einfach nicht gelingen. Schließlich standen U2 in Kreuzberg kurz vor der Trennung. Die Rettung brachten ein paar von The Edge zunächst im kleinen Hansa-Studio gespielte Akkorde, aus denen der Song “One” wurde. Die kreative Blockade war gelöst. Mit dem 1991 in Dublin weiter produzierten “Achtung Baby” entstand “vielleicht unser bestes Album”, sagte The Edge später. 18 Millionen Menschen kauften es laut “New Musical Express”. Ein Video zu “One” drehte Regisseur Anton Corbijn im Meistersaal.

Es sollte vorerst einer der letzten glorreichen Momente im Hansa Studio bleiben. Denn während U2 ihr zweites musikalisches Leben feierten, ging es mit dem Aufkommen digitaler Aufnahmetechnik für das Analogstudio Hansa vorerst bergab. Sich ein eigenes Studio einzurichten, wurde für Musiker billiger und lukrativer, als ein teures zu mieten. Und so befreiend das Verschwinden der Mauer für die meisten Deutschen war – internationale Musiker hatten sich in Interviews immer wieder fasziniert von der kalten Atmosphäre durch die angrenzenden Wachtürme gezeigt. Für sie war die Mauer ein Alleinstellungsmerkmal des Hansa im Vergleich zu anderen Studios. Damit war es vorbei.

Die Gebrüder Meisel entschlossen sich schließlich, das berühmte “Studio 2″ zu entfernen und es zum ursprünglichen Meistersaal zurückzubauen. Von 1994 bis 2002 wurde er als Kleinkunstbühne vermietet, danach an einen Immobilien-Auktionator. Die Verbreitung von Internetdownloads ließ nun auch noch die Plattenverkäufe und damit die Budgets für Studio-Produktionen einbrechen.

Tränen bei R.E.M.

Im Sommer 2010 fand sich noch einmal eine der ganz großen Bands in einer Schaffenskrise ein. Vier Wochen lang nahmen R.E.M. die letzten Teile für ihr Album “Collapse Into Now” im “Studio 1″ auf. Sänger Michael Stipe fuhr Fahrrad und U-Bahn, ging nach dem Frühstück im Friedrichshainer Club Berghain tanzen, besuchte Konzerte, Ausstellungen und Gedenkstätten und schrieb mit “Überlin” einen Song über einen Neuankömmling in Berlin. Als Pearl Jam sich für ein Konzert in Berlin aufhielten, kam deren Sänger Eddie Vedder ins Hansa und sang bei einem Song mit. In ihrer letzten Woche brachten R.E.M. ein Kamerateam mit in den Meistersaal und gaben ein Konzert vor ihren Familien und Freunden. Am Ende weinte Stipe. Dass die Gruppe sich nach diesem Auftritt im Hansa auflösen werden, hatten sie bis zuletzt weitgehend für sich behalten.

Schon in den Jahren zuvor schien es für das Hansa wieder aufwärts zu gehen. Unter dem großen Namen firmiert heute noch das “Studio 1″ mit drei Aufnahmeräumen im vierten Stock, betrieben von den Produzenten René Rennefeld und Alex Wende. Allein 2013 wurde hier Musik von Travis, Pet Shop Boys, Manic Street Preachers, Westernhagen und Udo Jürgens aufgenommen oder gemixt. Zwischen den gebuchten Terminen produziert Hansa Newcomer auf eigenes Risiko.

Weitere Studios unterschiedlicher Ausrichtung haben sich unabhängig von Hansa in dem noch immer der Familie Meisel gehörenden Musikhaus angesiedelt: Herbert Grönemeyer bezog 2008 die gesamte zweite Etage mit seinem Studio und Büro. Die Emil Berliner Studios für akustische Musik, einst Hausstudio der Deutschen Grammophon, zogen 2010 ins ehemalige Hansa “Studio 3″ ein. Der frühere Roxette-Produzent Michael Ilbert nutzt den ehemaligen Hansa Mischraum für Acts wie Pink, Taylor Swift und The Hives. Im dritten Stock hat sich das Film- und Werbemusik-Kollektiv Edition Meister eingerichtet, bis vor kurzem auch der Schlagerproduzent Jack White. Im Audioberlin-Studio werden Computerspiele und Hörbücher vertont.

Mythos spricht sich herum

Das Herzstück des Hauses, der aufwändig sanierte Meistersaal, kann theoretisch noch immer als Studio gebucht werden. Tatsächlich wird er fast ausschließlich als Veranstaltungssaal über die Eventagentur BESL vermietet. Möchte sich etwa ein Energy-Drink-Hersteller oder das Filmfest Berlinale für ein Event, ein Firmenchef für eine Weihnachtsfeier oder U2-Fans für ihre Hochzeitsparty mit Pop-Geschichte schmücken, reservieren sie das einstige “Studio 2″.

Ab und zu kommen auch die noch einmal vorbei, die sich hier erneuerten. Bowie besuchte das Hansa, als er im Juni 1987 ein Konzert vor dem Reichstag gab und sang 2013 auf seiner Single “Where Are We Now?” vom Potsdamer Platz. Depeche Mode, deren Goldene Schallplatte für ihr erstes Singles-Album noch im Eingang des “Studio 1″ hängt, probten hier 2009 für ihren Auftritt bei der Echo-Verleihung. U2 übten 2011 für ihr Konzert beim Glastonbury-Festival und drehten hier die Dokumentation “From The Sky Down” anlässlich des 20-jährigen Jubiläums von “Achtung Baby”.

Das Haus, dessen düsteres Kalter-Krieg-Image und Wüsten-Nachbarschaft einst Künstler auf Sinnsuche anzog, liegt nun zwischen Neubauten mit Büros. Nachbarn sind Firmen für Immobilieninvestment, Wirtschaftsprüfung und Zeitarbeit. Das Alleinstellungsmerkmal Mauer ist fort. Der Pop-Mythos spricht sich hingegen immer weiter herum. Damals rettete das Hansa Bowie und U2. Inzwischen retten Bowie und U2 das Hansa jeden Tag.

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Führungen durch das Hansa Studio von Berlin Musictours

Adresse: Hansa Tonstudio, Köthener Straße 38, 10963 Berlin

Termine: einmal monatlich, Anmeldung erforderlich

Eintritt: abhängig von Teilnehmerzahl

Website: www.musictours-berlin.de/de/hansa-studio-tour

E-Mail: info@musictours-berlin.de

Tel.: 030/ 30 87 56 33

Anfahrt: U2/ S1/ S2/ S25 oder Bus 200/ M41/ M48/ M85 bis Potsdamer Platz

03.06.2014