Der GAU des Theaters HAU

Eine Kreuzberger Institution in der Defensive: Theater Hebbel am Ufer 2 (Foto: Kreuzhainer) Eine Kreuzberger Institution in der Defensive: Theater Hebbel am Ufer 2 (Foto: Kreuzhainer)

Nach zunehmenden Protesten hat das Theater Hebbel am Ufer (HAU) die Onlinedating-Installation an der Oranientraße vorzeitig beendet. Bei einer Debatte entschuldigte sich der Künstler für das Verletzen von Rechten Schwuler. Die Leiterin wich kritischen Fragen aus.

Die Überraschung, die eigentlich keine mehr ist, gibt die Leiterin des Berliner Theaters Hebbel am Ufer (HAU) gleich zu Beginn der Diskussionsveranstaltung über die Installation “Wanna Play?” bekannt: Das Projekt, bei dem der niederländische Künstler Dries Verhoeven aus einem Container am Kreuzberger Heinrichplatz mit Schwulen aus der Nachbarschaft chattete, wird mit sofortiger Wirkung beendet – nach fünf Tagen. Zuvor hatte das HAU noch mitgeteilt, das Projekt werde lediglich unterbrochen, damit Verhoeven an der Podiumsdiskussion teilnehmen könne. Doch für eine Fortsetzung war der Druck längst zu groß.

Seit dem Start am 1. Oktober war die Empörung über die Aktion täglich gewachsen, zunächst in der Kreuzberger Homosexuellen-Community, dann auch in sozialen Netzwerken über die Szene hinaus und schließlich betitelte die “Berliner Zeitung” ihren Artikel “Kunstaktion stellt Schwule bloß”. Für Entsetzen sorgte, dass Verhoeven seinen Chat-Partnern auf der Homosexuellen-Dating-Plattform Grindr zunächst weder deutlich machte, dass sie Teil eines Kunstprojekts anstatt eines Flirts sind, noch dass ihre Nachrichten und als Negativ verfremdete Fotos in Echtzeit in ihrer Nachbarschaft auf seinen Container an der Oranienstraße projiziert werden.

Gleich am zweiten Abend des Projekts kam es zum Eklat, als Verhoeven einen Mann zum Date an den Heinrichtplatz bestellte, ohne ihm vorher die Hintergründe darzulegen. Als sein Chat-Partner den Container sah und bemerkte, dass seine Nachrichten und sein Profilfoto als Negativ öffentlich gemacht wurden, schlug er Verhoeven kurzerhand. Hinzu kam, dass Bekannte sein Gesicht auf dem an die Wand projizierten Profilfoto erkannten. Die Veranstalter hatten zuvor erklärt, dass ein Wiedererkennen wegen der Verfremdung als Negativ unmöglich sei.

Beim Versuch einer Aufarbeitung im HAU2 am Sonntagabend ist dieser bekannteste Chatpartner der Aktion ebenso vor Ort wie Verhoeven, HAU-Leiterin Annemie Vanackere, der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker und Hunderte mehrheitlich männliche Interessierte. Es ist so voll, dass auf den Treppen gesessen wird. Die Stimmung ist aufgeheizt. Die Wut vieler auf den Künstler und das HAU ist immens. Vanackere wurde auf dem Heinrichplatz angeschrien, auf Facebook wurde zu weiteren Schlägen gegen Verhoeven aufgerufen und der getäuschte Chatpartner hat eine Strafanzeige angekündigt.

Die Nachricht vom Ende des Projekts vermag die aufgebrachten Besucher an diesem Abend ebenso wenig zu beruhigen wie Verhoevens spätes Eingeständnis von Fehlern und seine Entschuldigung an den Chatpartner, der seinen Fall öffentlich machte. Er habe nun festgestellt, dass er sein Publikum und Freunde verloren habe, sagt Verhoeven, während er immer wieder von Zwischenrufen unterbrochen wird.

Seinen Chat-Partner befrieden diese Worte nicht. Er kritisiert Verhoevens Vorgehen als illegal, unethisch und narzisstisch, die Versuche der Organisatoren zur Beschwichtigung als trivial, bezeichnet sich als traumatisiert und geschockt über die mit dem Projekt gezeigte Naivität. Vom HAU fordert er einen intensiven Blick auf die Programm-Richtlinien und radikale Veränderungen. Die Menge feiert ihn.

Nun geschieht die vielleicht aufschlussreichste Wendung des Abends: HAU-Leiterin Vanackere schlägt vor, den Diskussionsabend mit diesem Beitrag zu beenden – nach gerade mal ein paar von Zwischenrufen zerstückelten Wortmeldungen und obwohl für die Veranstaltung eigentlich eine Stunde angesetzt ist. Das Publikum protestiert, sie muss einlenken, weitermachen und mit Verhoeven kräftig einstecken.

Ein junger Mann bezeichnet die Ankündigung des HAU, das Projekt thematisiere “die Möglichkeiten und die Tragik eines neuen Phänomens in den schwulen Communities” wegen des Wortes “Tragik” als beleidigend. Eine Frau weist darauf hin, dass Verhoeven immer wieder mit einer Gardine die Sicht in seinen Container beschränkt und so für seine Privatsphäre gesorgt habe, die seiner Chatpartner dagegen vergessen habe. Was wohl passiert wäre, wenn ein junger ungeouteter Schwuler und Grindr-Nutzer Besuch von seinen Eltern gehabt hätte und diese sein Foto und seine Nachrichten am Container entdeckt hätten, fragt eine Person.

Ein Mann kritisiert, das Thema der Installation komme eh zwei Jahre zu spät, weil sich in der Datenschutz-Diskussion längst herauskristallisiert habe, dass Post-Privacy, also der Verzicht auf Privatsphäre, nur freiwillig erfolgen könne. Warum denn keine Digital-Bürgerrechtler vor dem Start konsultiert worden seien, will er wissen. Wo diese unverschämte Arroganz herkomme, andere für das eigene Künstler-Ego zu benutzen, fragt ein anderer. Das Geld, das Verhoeven für seine Installation bekomme, sollten lieber die durch sein Projekt verletzten Menschen erhalten, fordert eine Frau.

Verhoeven gibt sich einsichtig, nennt sein Verhalten “naiv” und “dumm” und versucht vergebens, der aufgebrachten Menge ihre Wut auf sein gescheitertes Projekt zu nehmen. Er habe die Hinterseite des Internets zeigen wollen und dass Leute sich dort meist auf unehrliche Weise vermarkteten. Dass das Netz auch anders nutzbar sei, hätten die 24 Besuche von Chatpartnern in seinem Container gezeigt. Das wolle er eigentlich gerne fortführen, natürlich unter Wahrung der Privatsphäre der Beteiligten. Einige von Verhoevens Argumenten lassen allerdings Zweifel an seiner Einsicht zu. Die Diskussion über die Installation wäre nun eine andere, wäre keiner seiner Chatpartner erkannt worden, sagt er etwa.

Zwei Tage zuvor hatte Verhoeven seinen Kritikern noch vorgeworfen, ihr Verhalten sei “exemplarisch in einer Zeit, in der wir, als Homosexuelle, uns wieder verstecken und dafür entscheiden, unsere sexuellen Gefühle in offensichtlicher Anonymität auszudrücken”. Statt Fehler einzuräumen hatte er es da noch als “bedauerlich” bezeichnet, “dass Menschen tatsächlich das Gefühl haben, dass ihre Privatsphäre verletzt wurde”. Er sei eine dickköpfige Person, erklärt er nun auf dem Podium.

So sehr das Auditorium den Künstler am Sonntag auch in die Mangel nimmt – die verantwortliche HAU-Leiterin Vanackere, die Verhoeven noch aus den Niederlanden kennt, bekommen die Kritiker nicht recht zu fassen. Welche Kontrollmechanismen bei der Planung der Installation versagten und welche Konsequenzen daraus gezogen werden, bleibt offen. Bei der Frage nach den Kosten für das Projekt und was die Geldgeber im Vorhinein wussten verweist sie auf eine frühere Publikmachung. Die Frage, wie sie das Problem nicht habe kommen sehen können, beantwortet sie gar nicht.

Das übernimmt der vermeintlich unabhängige Moderator, ein mehrfacher HAU-Dramaturg: “Die Frage ist nicht beantwortbar.” Zuvor hatte er die Schärfe des Protests auf Facebook angeprangert. Wenig später erklärt er die Veranstaltung für beendet.

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